Streik an Britischen Universitäten

Gegen Kommerzialisierung und für mehr Lohn

Der Frust unter britischen Hochschullehrer_innen ist groß. Zwar sind die Arbeitsverhältnisse, vor allem im Mittelbau, wo es in der Regel unbefristete Verträge gibt, traditionell viel besser als an deutschen Unis. Doch seit Jahren schreitet die Kommerzialisierung der Lehre voran, in der Studienplätze zu Höchstpreisen verkauft werden. Um am Markt zu bestehen, müssen die Unis in den Rankings gut abschneiden. Dazu sind wie hierzulande Dritt-Mitteleinwerbungen, Lehrevaluation und Veröffentlichungen ausschlaggebend. Die Uni-Leitungen geben den kommerziellen Druck an die Hochschullehrer_innen weiter, oft unter Androhung von ‚Performance Management’ oder sogenannten ‚teaching only contracts’, also Lehrknecht-Verträgen für diejenigen, die nicht die eingeforderten Forschungsleistungen erbringen.

Dabei gibt es einen in Deutschland eher unbekannten, klaren Antagonismus zwischen Hochschullehrer_innen und Uni-Leitung: Professor_innen, Mittelbau und Promovierende stehen zusammen gegen das Management der Uni. In diesem Zusammenhang ist auch der gegenwärtige Streik zu verstehen. 60.000 Hochschullehrer_innen sind am 25. Mai in Streik getreten. Es geht in erster Linie um Lohn: seit Jahren haben die Tarifabschlüsse unter der Inflationsrate gelegen. Im Ergebnis sind die Reallöhne seit 2009 um 14,5% gesunken.

Dabei wurden 2011 die Studiengebühren in Großbritannien auf bis zu 9000 Pfund (12.000 Euro) im Jahr erhöht, und den Unis geht es entsprechend blendend. Doch der Geldsegen kam vor allem den Unileitungen zu Gute: Die Präsidenten der britischen Hochschulen verdienen in Durchschnitt über 260.000 Pfund (340.000 Euro) in Jahr. Im letzten Jahr stiegen die Gehälter hier um 5,1%. Ganz oben steht übrigens der Chef der eher unbekannten Nottingham Trent University: er verdient 636.000 Pfund (840.000 Euro) im Jahr. Zum Vergleich: Der britische Premierminister bezieht ein Gehalt von 142.500 Pfund (190.000 Euro). Auch andere Top-Manager an den Unis verdienen oft 6-stellige Beträge.

Deswegen fordern die Mitglieder der University and College Union (UCU) nun einen Tarifabschluss von mindestens 5%, sowie ein Ende von befristeten und prekären Arbeitsverhältnissen, die auch in Großbritannien in immer größerem Umfang festzustellen sind. Weiterhin verlangt UCU ein Ende des ‚gender pay gap’, also der Tatsache dass Frauen in gleichen Jobs weniger verdienen als Männer. Die Arbeitgeber bieten bisher 1,1 %,  und geben in den anderen Punkten Absichtserklärungen ab, was von UCU als unzureichend zurückgewiesen wurde.

Streiken! Aber wie?

Zwei Tage sind Mitglieder der UCU nun zunächst im Ausstand, danach wird unbefristet ‘nur nach Vertrag’ gearbeitet. Bei dieser Streikmethode arbeiten die Beschäftigen nur so lange wie im Vertrag vorgesehen, und verweigern jegliche Überstunden, Einspringen im Krankenfall oder andere flexible Leistungen.

Streiks im Hochschulbereich sind eine taktische Herausforderung, weil es wenige wirklich machtvolle Hebel zur Unterbrechung des Betriebes gibt. Die Unileitungen stört es so wenig, wenn eine oder zwei Vorlesungen ausfallen. Bei der Forschung wird die Arbeit in der Regel ohnehin einfach auf die Zeit nach dem Streik verlagert.

Ein neuer Hebel wird bei diesem Streik versucht: die Mitglieder sind aufgefordert, ihre Rollen als externe Gutachter für andere Unis zu kündigen. Erste Zahlen zeigen eine sehr hohe Beteiligung. Externe Gutachter stellen die Qualität der Lehre in einer Art peer review der Module und Programme sicher. Auch Prüfungsfragen und die korrigierten Arbeiten sowie das Feedback werden dabei geprüft. Dieser Prozess stellt einen zentralen Teil der Qualitätskontrolle in der Hochschullehre dar. Die Kündigung dieser hauptsächlich ehrenamtlich (es werden nur Aufwandsentschädigungen gezahlt) betriebenen Rollen kann daher durchaus den Betrieb der Hochschulen ernsthaft behindern.

Ein weiteres Mittel ist das Verweigern der Ausgabe von Scheinen und Noten, im radikalen Fall sogar das Verweigern des Abzeichnens von Abschlusszeugnissen. Dies geht zwar leider zu Lasten der Studierenden, die dann zum Beispiel Schwierigkeiten bei ihren Bewerbungen bekommen. Es hat sich aber gezeigt, dass solche Maßnahmen die Unileitungen zu größerer Kompromissbereitschaft zwingen, denn die normalerweise resultierende Wut der Studierenden (und ihrer Eltern) richtet sich durchaus auch gegen die Unis.

Besondern erfreulich bei dem augenblicklichen Streik ist, dass es derzeit auch bei den technischen Mitarbeiter_innen und Verwaltungsangestellten in den Unis zu Abstimmungen über Arbeitskämpfe kommt. Sollten die Gewerkschafts Mitglieder in diesen Arbeitsbereichen dafür stimmen, könnten sich die Streiks an den britischen Hochschulen in diesem Sommer durchaus noch ausweiten.

Soziolog_innen bloggen über Prekarisisierung in der Wissenschaft

Die Initiative „Für gute Arbeit in der Wissenschaft“ von Soziolog_innen in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) bloggt in den Monaten Mai und Juni auf dem „Sozblog“ der DGS zur Krise der Hochschule, Prekarisierung in der Wissenschaft, Demokratisierung der Fachgesellschaften und vielem mehr.

Den Auftakt bildet heute Teil 1 eines dreiteiligen Textes von Peter Ullrich (TU Berlin) mit dem Titel:

Prekäre Wissensarbeit im akademischen Kapitalismus. Strukturen, Subjektivitäten und Organisierungsansätze in Mittelbau und Fachgesellschaften

Alle drei, vier Tage kommen dann andere Beiträge von Mitgliedern der Initiative, Redner_innen der Konferenz „Soziologie als Beruf“ u.a.

Viel Spaß beim Lesen und diskutieren!

Initiativ gegen die Exzellenzinitiative

Heute morgen trat eine Gruppe von über 100 Wissenschaftler*innen mit einer Erklärung gegen die Exzellenzinitiative an die Öffentlichkeit. Sie wenden sich gegen den Exzellenzmythos und plädieren für gute Forschung und Lehre in der Breite anstelle der weiteren Verschärfung von Ungleichheit im Hochschulbereich.

Die Webseite der Initiative ist:

https://exzellenzkritik.wordpress.com

Die (dort auch angegebene) Petitionsseite zum Mitzeichnen hat die Adresse:

https://www.openpetition.de/petition/online/fuer-gute-forschung-und-lehre-argumente-gegen-die-exzellenzinitiative

Soziologie bleibt am Ball: Prekarität und Selbstsorge

Nach den vielen Aktivitäten der Initiative für Gute Arbeit in der Wissenschaft, einer Erklärung der Fachgesellschaft DGS zu den Folgen der Ökonomisierung der Wissenschaft für die Beschäftigten und der jüngst stattgefundenen Konferenz zur „Soziologie als Beruf“ gibt es nun Blogbeiträge zum Thema. Auf dem Blog der Fachgesellschaft, dem „Sozblog“, geht es in einem aktuellen Beitrag um Strukturprobleme und um Strategien der Selbstsorge aus Genderperspektive.

Soziologische Fachgesellschaft bekennt sich zu „Guter Arbeit“

Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) setzt sich für Gute Arbeit in der Wissenschaft ein. In einer eben veröffentlichten Erklärung fordert sie ein Umdenken und strukturelle Reformen: für bessere Grundfinanzierung der Hochschulen und gegen die prekären Arbeitsverhältnisse in der Wissenschaft. Ein Auszug:

Gesellschaftliche Dynamiken machen vor der Wissenschaft nicht halt. In den letzten Jahrzehnten haben  staatliche (De-)Regulierungen, Aktivierungspolitiken und neue Formen von ‚governance’ sowie eine zunehmende Ökonomisierung die Bildung im Allgemeinen und die Hochschulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen im Besonderen geprägt. Im Sinne eines „akademischen Kapitalismus“ verschärft sich der Wettbewerb um Forschungsgelder und Stellen bei gleichzeitiger Unterfinanzierung der Hochschulen fortwährend. Eine wesentliche Folge ist die Prekarisierung von Arbeits- und Beschäftigungsverhältnissen in der akademischen Forschung und Lehre. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) sieht diese Entwicklungen mit Sorge, sie fordert ein Umdenken in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik sowie strukturelle Veränderungen im deutschen Wissenschaftssystem. Entsprechende Reformen dürfen nicht bei der äußerst zurückhaltenden jüngsten Neuregelung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes stehen bleiben.

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Soziologie als Beruf. Bloß nicht?!

Soziologie als Beruf – Wissenschaftliche Praxis in der
soziologischen Reflexion

Tagung des Ausschusses „Mittelbau in der DGS / Beschäftigungsbedingungen
in der Wissenschaft“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)
25. und 26. Februar 2016

Wissenschaftszentrum Berlin für
Sozialforschung, Raum A 300

Die Beschäftigungsbedingungen von Wissenschaftler_innen sind zunehmend Gegenstand gesellschaftlicher und politischer Debatten. Die Soziologie hat, national wie international, zwar vielfach zu diesen Fragen
geforscht, ist aber in der politischen Diskussion bisher wenig zu hören.
Ziel der Tagung ist es deshalb, zum einen die Folgen prekärer
Beschäftigung für die Lebenssituation, das wissenschaftliche
Selbstverständnis und für die soziologische Wissensproduktion zu
diskutieren. Zum anderen soll ein Selbstverständigungsprozess in der
Soziologie über die Beschäftigungsbedingungen von Soziolog_innen
angestoßen werden, um Handlungsspielräume für Veränderungen in der
Wissenschaft im Allgemeinen und in der Soziologie im Besonderen auszuloten.

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Vernetzungstreffen der Berliner studentischen Beschäftigten

aus der Einladungsmail zu diesem wichtige Treffen zur Organisierung von Studentischen Hilfskräften

Wann: Freitag, 06.11 um 16:00

Wo: Paula-Thiede-Ufer 10, 10179 Berlin [Ver.di – Haus]

Worum geht es: Die meisten Studis müssen neben den Studium jobben, um sich zu finanzieren – in Berlin gibt es durch eine Geschichte politischen Einsatzes und studentischen Engagements einen Tarifvertrag, der zentrale Punkte unseres Arbeitslebens regelt.
Dieser Tarifvertrag, einst vorbildlich für andere Bundesländer, ist mittlerweile eher Mittelmaß.

Das sind (nur ein Teil der) Probleme:
-) trotz massiv steigender Lebenshaltungskosten in Berlin ist der Lohn seit 2003 gleich geblieben
-) 2003 haben die Universitäten einseitig die Auszahlung des Weihnachtsgeldes gestoppt (Klagen dagegen waren erfolglos)
-) Der Urlaub für studentische Beschäftigte nimmt Bezug auf eine altersdiskriminierende Regelung, die dank einer EU Richtlinie seit 2006 untersagt sind.

Eine Anpassung ist dringend nötig, aber solange der Druck nicht groß genug ist, werden die Unis, Hochschulen, Forschungsinstitute und Einrichtungen des Landes an denen wir beschäftigt sind nichts ändern.

Darum müssen wir uns organisieren! Knapp 6000 Studierende sind über den Tarifvertrag beschäftigt. Zusammen können wir etwas bewegen!!!

Wer sind wir: Ein bunter Zusammenschluss von studentischen Beschäftigten der Berliner Universitäten und Hochschulen, Forschungsinstituten und Einrichtungen des Landes,  gewerkschaftlich organisiert oder nicht, mit klaren Absichten: Alles was uns zusteht!

Liebe Grüße und bis Freitag,
Eure Tarifini